Diashow, Emotion, Produktauswahl, Einwände… alles, was du für den Einstieg wissen musst, mit drei Experten für In Person Sales: Sophie Gaudin, Bernard Audry und Meghann Stanley.

Der Präsentationstermin hat Fotografinnen und Fotografen noch nie so sehr interessiert wie heute. Lange war der persönliche Verkauf eine Sache für eine Minderheit, jetzt kommt er mit Wucht zurück. Ein Grund dafür: KI und Bilderklau in Online-Galerien bringen immer mehr Fotografen dazu, die Präsentation und den Verkauf ihrer Arbeit wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Hinter dem etwas technischen Begriff steckt vor allem eine Überzeugung, die alle teilen, die so arbeiten: Der Präsentationstermin ist nicht nur eine Verkaufstechnik, er ist der Moment, in dem der Fotograf seinen Beruf zu Ende bringt. Um konkret darüber zu sprechen, haben wir drei Experten zusammengebracht, die täglich damit zu tun haben.

Zum Begriff: im Deutschen gibt es dafür mehrere Wörter. Wir sprechen hier vom Präsentationstermin, du findest aber ebenso Bildpräsentation, Verkaufsgespräch oder Bildbesprechung. Für die Methode dahinter hat sich international der englische Begriff In Person Sales (IPS) durchgesetzt, den auch viele deutschsprachige Fotografen benutzen.

Das erfährst du in diesem Artikel:

• Was ein Präsentationstermin wirklich ist und warum er alles verändert

• Wie du ihn vorbereitest und führst (zwei Methoden, die funktionieren)

• Wie du auf die häufigsten Ängste von Fotografen antwortest

• Digital oder Print, B2C oder B2B: worauf es wirklich ankommt

Unsere drei Gäste:

Sophie Gaudin: Schwangerschafts- und Babyfotografin in Cancale (Frankreich), Trainerin für „natürliches Verkaufen“.

Bernard Audry: über 30 Jahre Fotograf, Erfinder des „Emotionsmarketings“, Trainer und Studio-Coach.

Meghann Stanley: Gründerin von Réseau Photo Pro, Unternehmensberatung für Fotografen in B2C und B2B.

1. Was ist ein Präsentationstermin?

Der Präsentationstermin ist der Termin, bei dem der Fotograf seine Bilder dem Kunden zeigt und ihn bei der Auswahl der Fotos und der Produkte begleitet, statt ihm eine Online-Galerie zu schicken, mit der er allein zurechtkommen muss.

Für viele ist der Auslöser zuerst wirtschaftlich. Sophie Gaudin ist keine sechs Monate nach ihrem Start auf persönlichen Verkauf umgestiegen: „Ich habe rein rechnerisch gemerkt, dass ich vom Verkauf digitaler Dateien nicht leben kann.“ Auf dieser Grundlage hat sie ihre gesamte Kundenerfahrung rund um den Präsentationstermin neu aufgebaut.

Doch es geht um mehr als Umsatz. Bernard Audry, der die Hälfte seiner Karriere in der Analogzeit verbracht hat, bezeichnet sich als „Produkt-Aktivist“. Für ihn besteht die Rolle des Fotografen nicht darin, Menschen zu fotografieren, sondern ihnen eine Spur zu hinterlassen: „Unser Ziel ist, dass sie in zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren mit Freude auf diese Bilder stoßen.“

Meghann Stanley bringt eine wichtige Nuance ein: persönlich verkaufen heißt nicht zwangsläufig Papier verkaufen. Manche Fotografen erreichen sehr hohe Durchschnittsumsätze, obwohl sie nur digital verkaufen, weil der wahrgenommene Wert beim Kunden liegt und bei dem, was er davon hat, nicht nur beim Produkt. Was aber alle gemeinsam haben: Sie lassen den Kunden nie allein vor einer Galerie sitzen.

2. Der eigentliche Klick: hör auf, dich als Verkäufer zu sehen

Wenn so viele Fotografen zögern, liegt es fast nie an der Technik. Es liegt an der Haltung. „Der Präsentationstermin gilt als schmutziger Moment, weil es ums Verkaufen geht. Für viele Fotografen ist Verkaufen schmutzig“, fasst Sophie zusammen.

Genau dieser Blick muss sich ändern. Sophie versteht sich als „Schöpferin von Familienerbe“: „Hört auf, euch als Verkäufer zu sehen. Seht euch als Begleiter, als Berater. Der Rest ergibt sich von selbst.“

Bernard formuliert denselben Gedanken anders, und das ist vielleicht der wichtigste Satz des ganzen Gesprächs:

„Deine Rolle als Fotograf ist nicht, zu verkaufen, sondern vorzuschlagen. Vorzuschlagen, was du für deinen Kunden für das Beste hältst, auf Basis dessen, was du über ihn weißt. Es gibt nichts Schlimmeres, als seine Kunden mit einem ‚Hier ist die Online-Galerie, such dir deine Fotos aus‘ fallen zu lassen. Unser Job ist, ihm beim Auswählen zu helfen.“

Und die Angst vor dem Nein? Bernard entschärft sie ohne Umschweife: „Wenn in einem Verkauf nie jemand Nein sagt, hast du zu wenig vorgeschlagen.“ Eine Absage gehört zum Beruf. Sie ist kein Scheitern, sondern das Zeichen, dass du deine Beratungsarbeit zu Ende gemacht hast.

3. Emotion als Motor der Bildübergabe

Fast alle Fotografen, die Präsentationstermine machen, beginnen gleich: mit einer Diashow mit Musik. Ziel ist, die Sinne zu wecken und im Moment der ersten Bildansicht eine tiefe Emotion auszulösen.

Für Sophie ist das der schönste Moment, noch vor dem Shooting selbst: „Die Kunden sehen ihre Fotos und sagen zu mir: ‚Wow, wie hast du das gemacht?‘ Weil sie sich selbst müde fanden, nicht vorteilhaft, unwohl. Und genau da entsteht wirklich eine Erinnerung, die Jahrzehnte hält.“

Bernard erinnert allerdings daran, nicht naiv zu sein: Emotion ist auch ein bewusst eingesetzter Hebel. „Der Präsentationstermin muss inszeniert sein, genau wie dein Shooting.“ Man nutzt die Emotion, um Lust aufs Kaufen zu machen, ohne je zu vergessen, dass das Ziel weiterhin ist, mehr und besser zu verkaufen.

4. Ein Präsentationstermin will vorbereitet sein

Das ist der häufigste Anfängerfehler: zu glauben, es reiche, die Fotos zu laden, eine Software zu öffnen und loszulegen. In Wirklichkeit dauert die Vorbereitung fast so lange wie der Termin selbst.

Bernard ist deutlich: ohne Vorbereitung „landest du als Teppichhändler und verhandelst über etwas, das du nicht vorbereitet hast“. Die gesamte Customer Journey muss vorher durchdacht sein: wie du fotografierst, welche Produkte du zeigst, was du sagst. Ein Kunde, der keine Lust hat zu kaufen, wird nicht kaufen. Die Arbeit beginnt also lange vor der Präsentation.

Sophie bestätigt das und beschreibt ihre Vorbereitung: die Bildauswahl muss zu dem passen, was du zum Kauf anbietest. „Wenn deine Bilder nicht zu deinem Angebot passen, hakt es natürlich.“ Dazu kommen der Aufbau der Diashow und die Überlegungen zu den Wandvorschauen, ein Aufwand, den du nicht unterschätzen solltest.

Preise vorab kommunizieren: eine Notwendigkeit (und eine Pflicht)

In einem Punkt sind sich die drei Experten einig: Der Kunde muss die Preise vor dem Termin kennen. Bei Sophie sind sie ab der Buchung herunterladbar, um jede Frustration und jedes „Basar-Feilschen“ zu vermeiden.

⚠ Achtung, das ist nicht nur guter Stil, das ist rechtlich relevant.

Wie Meghann Stanley betont, kommt es einer irreführenden Geschäftspraxis gleich, den Preis erst am Tag selbst zu enthüllen. Und sobald du online verkaufst, ist der Zugang zu den Preisen im Voraus eine gesetzliche Pflicht.

5. So führst du den Termin: zwei Methoden, die funktionieren

Beim genauen Ablauf sind sich unsere Experten nicht ganz einig, und das ist gut so, denn es zeigt, dass es nicht nur einen richtigen Weg gibt.

Methode 1: bei den Lieblingsbildern anfangen (Meghann Stanley)

Statt den Kunden von Anfang an „X Fotos“ auswählen zu lassen, empfiehlt Meghann, bei der Emotion zu beginnen: „Wir fangen an mit: Welche sind deine Lieblingsbilder? Und welche sind die Vielleicht?“ Danach engt man das Ganze trichterförmig ein, mit Paketstufen (zum Beispiel 10, 20, 30 Fotos). Der Kunde ordnet sich von selbst ein, und viele wechseln von sich aus ins nächstgrößere Paket, weil sie sich nicht entscheiden können.

Wichtig: die Auswahl nie von Anfang an deckeln („dein Paket enthält 10 Fotos, such sie aus“), sonst manövrierst du dich schnell in die Enge. Lass immer eine Tür offen und behalte trotzdem die Richtung bei.

Methode 2: in Modulen verkaufen (Bernard Audry)

Bernard bevorzugt eine sehr strukturierte Methode, bei der das „gefällt mir / gefällt mir nicht“ erst am Ende kommt, damit die Emotion nicht zerstört wird. Sein Ablauf: Präsentation mit Musik, dann ein zweiter Durchgang, um die Reaktionen zu hören, dann die Vorschläge des Fotografen, Modul für Modul.

  • Zuerst eine Bildkollektion oder eine große Vergrößerung für den Hauptraum
  • Dann eine Vergrößerung für einen anderen Raum, danach fürs Kinderzimmer
  • Erst dann die Alben und Bücher
  • Danach die Fotoboxen
  • Und zum Schluss die Fotos für die Großeltern

In beiden Ansätzen kehrt dasselbe Prinzip wieder: Vorschlagen ist Sache des Fotografen, auf Basis dessen, was er über seinen Kunden weiß, und nicht Sache des Kunden, zu erraten, was er von einem Produkt will, das noch gar nicht existiert.

6. Den Zusatzverkauf nicht vergessen

Der Verkauf endet nicht beim Basispaket. Meghann betont die Kraft offener Fragen: statt „Möchtest du ein großes Wandbild?“ (mögliche Antwort: nein) lieber „Was hältst du von der Idee, daraus ein großes Wandbild zu machen?“, denn das öffnet das Gespräch.

Bernard denkt noch weiter: ein Verkauf ist nie ganz abgeschlossen. Bei der Übergabe der Fotos, ein paar Wochen später, kommt das Präsentationsmodul wieder ins Spiel: Zeit ist vergangen, ein neues Budget ist da, und du kannst die Kunden zurückholen, sogar die Großeltern, die dann ihrerseits bestellen.

7. Antworten auf die häufigsten Ängste und Einwände

„Mein Kunde wohnt zu weit weg, der kommt nicht noch mal“

Soll man den Termin dann direkt nach dem Shooting machen? Wider Erwarten ist keiner der Experten kategorisch dagegen. Die Antwort hängt vor allem von deiner Positionierung ab.

Kriterium Präsentation direkt nach dem Shooting Präsentation später (Tage oder Wochen danach)
Passende Positionierung Einstiegs- und Mittelklasse, hohe Stückzahlen Premium, hohe Durchschnittsumsätze
Bildvorbereitung Eingeschränkt Vorab bearbeitete Bilder möglich
Müdigkeit (Kunde und Fotograf) Am Ende des Shootings real Alle sind aufnahmefähig
Verfügbares Budget Das vom selben Tag Oft ein neues Gehalt dazwischen

Bernard sagt dazu: „Ich kann nicht sagen, ob ich dafür oder dagegen bin. Man muss es an seinen Markt und seine Zielgruppe anpassen.“ Entscheidend ist eine stimmige Wahl, nicht eine absolute Regel.

„Ich habe kein Studio“

Für Bernard ist das kein Hindernis, im Gegenteil: „Wenn ihr euch die Mühe macht, zu den Leuten nach Hause zu fahren, um sie zu fotografieren, dann fahrt auch zum Verkaufen hin.“ Dann hast du alle Wände direkt vor Augen und kannst die passenden Vergrößerungen vorschlagen. Meghann schränkt allerdings ein: Ein Studio zu eröffnen verkauft nicht von Zauberhand. Zuerst brauchst du eine echte Strategie zur Kundengewinnung, sonst hast du Fixkosten und keine Kunden.

„Meine Kunden wohnen in kleinen Wohnungen“

Bernards Antwort ist schwer zu widerlegen: „Wir schlafen alle in einem Bett, wir haben alle ein Sofa. Also haben wir alle Wände.“ Über dem Bett, über dem Sofa ist immer Platz. Meistens sind diese Einwände nur Ausreden, die wir uns selbst geben, um nicht anzufangen.

„Ich habe Angst vor der Reaktion des Kunden“

Das ist wohl die tiefste Angst: eine negative Emotion miterleben zu müssen. Meghann dreht sie mit einer eindrücklichen persönlichen Anekdote um. Nach einem Shooting bekam sie eine Online-Galerie, ohne jede Begleitung: „Mir wurde klar, wie viel ich zugenommen hatte, das war ein Schock. Die Galerie konnte ich nicht mehr sehen.“ Sich selbst überlassen, hat sie die Erfahrung am Ende negativ erlebt.

Die Lehre daraus: im Moment der Bildübergabe dabei zu sein, bedeutet nicht nur verkaufen. Es bedeutet, Emotionen aufzufangen, auch die unbequemen, und der Person zu helfen, das Bild zu finden, in dem sie sich wiedererkennt. Eine Galerie zu schicken, „um das Unbehagen zu vermeiden“, heißt meist nur, dieses Unbehagen auf den Kunden zu verschieben.

8. Digital oder Print? Die eigentliche Debatte

Bernard vertritt beim Vokabular eine klare Position: „Wir verkaufen keine digitalen Dateien.“ Eine Datei kostet nichts in der Herstellung, also denkt der Kunde, sie sei nichts wert. Was verkauft wird, sind Nutzungsrechte, ein Begriff, der die Arbeit des Künstlers wieder mit Wert auflädt.

Meghann widerspricht ihm nicht, weitet den Rahmen aber: Der Wert liegt nicht im Produkt, sondern in dem, was der Kunde davon hat. Manche Fotografen verkaufen digital für 1.000 oder 2.000 Euro, weil der wahrgenommene Nutzen real ist. Und sie erinnert an einen oft vergessenen Bereich: B2B, wo der Präsentationstermin dazu dient, den Kunden bei der Auswahl der Bilder für seine Kommunikation zu begleiten.

Egal in welchem Lager: In einem Punkt sind sich alle einig. Ob du Prints oder Digitales verkaufst, persönlich zu präsentieren und zu begleiten wird immer wirksamer sein, als eine Galerie zu verschicken.

9. Mehr als Verkauf: ein starkes Marketinginstrument

Das ist der überraschendste Aspekt des Gesprächs. Der Präsentationstermin ist auch ein besonderer Moment, um Beweise zu sammeln für dein Marketing, wie Meghann betont.

Die Reaktionen filmen, die Emotionen, die kleinen Hände eines Kindes, das ein Foto seiner Mama aussucht, das spontane Statement eines gerührten Kunden: Das ist Material von seltener Kraft. „Das Marketing von Fotografen macht viele Versprechen und zeigt viel zu wenige Beweise. Und Versprechen prallen an den Leuten ab, solange die Beweise fehlen.“

Mit dem Einverständnis der Beteiligten werden diese Momente zu authentischem Content für deine Kanäle, viel überzeugender als ein langer Text über den Wert deiner Arbeit.

Fazit: fang einfach an

Wenn eine einzige Botschaft aus diesem Gespräch bleibt, dann diese: Die Bremse ist fast nie technisch. Es sind die Angst und der Blick, den wir auf den eigenen Beruf haben.

Die drei Tipps unserer Experten für den Anfang:

Bernard: „Hab Spaß daran. Wenn du siehst, wie ein Elternteil vor seinen Fotos gerührt ist, schmilzt das Impostor-Syndrom dahin. Und dein Durchschnittsumsatz steigt zwangsläufig.“

Sophie: „Wechsle die Perspektive. Hör auf, dich als Verkäufer zu sehen: Du bist Begleiter, Schöpfer von Familienerbe.“

Meghann: „Teste es beim nächsten Kunden. Du kannst nur gewinnen, und teste mehrmals, bevor du urteilst.“

Der Präsentationstermin ist keine zusätzliche Last. Er ist der Weg, deinen Fotografenberuf zu Ende zu bringen: Emotion schaffen, deinen Kunden helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, und deinen Bildern den Platz geben, den sie verdienen: an der Wand, in einem Album, in einem Leben.

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